Porsche 959 – Überflieger ist in der Tat eine treffende Bezeichnung für diese Ikone aus dem Hause Porsche. Ein Heckleitwerk aus Kevlar scheint organisch aus den Kotflügeln herauszuwachsen und garantiert bei hohem Tempo die nötige Bodenhaftung. Gut so, denn die meisten Flieger hätten bei über 300km/h längst abgehoben. König Juan Carlos hatte einen, Falco hatte einen und der berühmte Stardirigent Herbert von Karajan hatte sogar zwei. Den ersten setzte der Maestro bald mit überhöhtem Tempo in ein Kornfeld nahe Anif in Österreich, der zweite, ein roter, wurde direkt in das Karajan-Haus nach St. Moritz geliefert.
Mit diesem vom 911 abgeleiteten Supersportler präsentierte Porsche 1985 einen Straßenrenner, wie ihn diese Welt so noch nicht gesehen hatte. Fahranfänger waren Mitte der Achtziger also nicht unbedingt die klassische Zielgruppe für den 420.000 Mark und somit astronomisch teuren Supersportwagen. Zum Vergleich: Der teuerste Mercedes damals, eine S-Klasse, kostete ca. ein Viertel davon. Der Preis schreckte die Elite nicht ab. Der Porsche 959 war innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Wer sich zu dieser Zeit für wichtig hielt und das auch zeigen wollte, der musste einen 959 haben, egal wie. Bereits kurz nach dem Markteintritt wurden einzelne neue Exemplare um bis zu 700.000 Mark gehandelt.
Ursprünglich sollte sich der 959 auf den Rallyesport konzentrieren und dort die Rivalen in Grund und Boden fahren. Passend zum neuen „Gruppe-B-Reglement“ entwickelte Porsche deshalb den 959 auf Basis des erfolgreichen 911 SC. Laut Regelwerk mussten allerdings mindestens 200 Fahrzeuge produziert werden, was Porsche durch eine Straßenversion für zahlungskräftige Stammkunden erreichen wollte. Tatsächlich begeisterten die Zuffenhausener schon mit dem Prototyp auf der IAA 1983 und bekamen euphorischen Applaus. Das führte zu einer Produktionszahlen-Erhöhung um fast 50 Prozent. Ein Versuchseinsatz mit 959-Prototypen bei der Dakar 1985 endete zwar vorzeitig durch unsanfte Berührungen mit Felsbrocken. Dafür holte die endgültige Version des 959 im Jahr darauf souverän den Gesamtsieg bei der härtesten Rallye der Welt.
„An der Außenhaut sind nur die Heckleuchten vom 911er, der Rest ist neu!“, notierte der Fachautor Jürgen Lewandowski damals. Und der damalige Entwicklungschef Helmuth Bott sagte schon im Jahr 1983: „Auf dem Rallyesktor hat sich abgezeichnet, daß man nur noch mit allradgetriebenen Fahrzeugen konkurrieren kann. So ergaben sich sehr früh die Vorraussetzungen, Allradantrieb und Ableitung eher aus einem Heckmotor- als aus einem Frontmotorkonzept zu entwickeln.“ Somit war klar, der 959 kann sich nur am 911er orientieren und der war die ideale Basis für die sehr ehrgeizigen Pläne. Noch nie sollen in Weissach so viele Überstunden gemacht worden sein als zur Zeit der 959-Entstehung.
An der Außenhaut sind nur die Heckleuchten vom 911er, der Rest ist neu!
Im Herbst 1983 erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Gruppe-B Porsche folgende Struktur erhalten werde: Variabler, elektronisch gesteuerter Allradantrieb, Sechszylinder-Boxer-Motor mit luftgekühlten Zylindern, wassergekühlten Zylinderköpfen mit Vierventil-Technik und Aufladung durch zwei Turbolader in Registerschaltung, Sechsgang-Getriebe, Doppelquerlenker-Aufhängung vorn und hinten mit variabler Höheneinstellung, vier St0ßdämpfer pro Rad und DUNLOP-DENLOC-Sicherheitsreifen auf 17-Zoll-Felgen.
Das Design des 959 polarisiert noch heute. Nicht alle finden den 959 auch „schön“. Seine Form sollte homogen und nicht halbstark wirken. Die Gestaltung von Bug, Heck und Wagenunterseite entstand im Dialog zwischen Windkanal und Werkstoff-Erbrobung. Anforderung: aerodynamisch optimal, ästhetisch ausgewogen und konsequent gewichtsparend. Heraus kam eine Mischung aus Stahl, Aluminium und Kunststoff.
Die ausgefeilte Aerodynamik des Porsche 959 konnte nur zur Geltung kommen, wenn die Bodenfreiheit auf die Strömungsverhältnisse abgestimmt ist und konsequent eingehalten wird. Eine Höchstgeschwindigkeit von über 300 km/h braucht möglichst geringe Bodenfreiheit, doch wie ist das mit der Alltagstauglichkeit vereinbar? Was sieht das bei Boden-Beulen in den Innenstädten oder dem gefürchteten Aufsetzen im Parkhaus aus? Ein elektronisch geregeltes Hydrauliksystem nahm dem Fahrer diese Sorgen ab. Es senkte den 959 bei Hochgeschwindigkeiten selbständig ab, und es ließ sich bei niedrigen Geschwindigkeiten vom Fahrer wieder nach oben pumpen. Zudem hatte Porsche zusammen mit Bilstein eine variable Stoßdämpfereinstellung entwickelt.
Blendet man alle die spannenden Geschichten, Gerüchte und Übertreibungen aus, so bleibt der Porsche 959 ein technisches Meisterwerk und ein Highlight der Automobilgeschichte.
Für technikaffine Menschen war der 959 damals das Maß aller Dinge. Leider, aufgebauscht durch die Medien, bekam der 959 jedoch bald das falsche Image. Er galt als High-Society Fahrzeug und wurde als Protz-Symbol missverstanden. Die herausragenden technischen Eigenschaften und die Performance des 959 standen leider nie im Vordergrund und kamen dadurch auch nicht beim Publikum an. Was bleibt sind viele Anekdoten und Geschichten. Angeblich wollte ein junger Schwede damals tatsächlich seine Freundin gegen den 959-Prototypen tauschen. Oder ein Amerikaner, der gleich 4 Exemplare bestellte und einen Lageplan seiner großen Garage der Bestellung beilegte. Bekommen hat er jedoch nur ein Exemplar, wie alle anderen auch.
Der 959 ist eine Ikone, ein absoluter Superstar. Und wie es bei Superstars so ist, nicht alle gönnen ihnen den Erfolg und sie werden nicht von allen geliebt. Blendet man alle die spannenden Geschichten, Gerüchte und Übertreibungen aus, so bleibt der Porsche 959 ein technisches Meisterwerk und ein Highlight der Automobilgeschichte.
Copyright Pictures: Markus Klimesch für RR Motors
Quellen: Eigene Recherche und „Das neue große Porsche 911-Buch“, Alexander Knoll, erschienen im HEEL Verlag
Elferspot Magazin